Ein paar Vorbemerkungen:

Diese Biografie stützt sich im Wesentlichen auf die Biografie "Django Reinhardt" von Charles Delaunay [1]. Da ich im Laufe meiner Beschäftgung mit Django Reinhardt jedoch immer wieder auf Widersprüche zwischen den einzelnen Quellen stosse, habe ich mich bemüht, sozusagen einen "gemeinsamen Nenner" zu finden. Bei Unstimmigkeiten habe ich versucht, mich an die jeweils plausibelste Variante zu halten. So wird, um nur ein Beispiel herauszugreifen, als Vorname Django Reinhardts wiederholt der Name "Jean-Baptiste" erwähnt. Dies ist in Wirklichkeit jedoch der vermutliche Name seines Vaters, der auf Djangos Geburtsurkunde mit "J B Reinhard" unterzeichnet hat (s. a. weiter unten unter dem Eintrag zum Jahr 1910). Der amtliche Vorname Djangos ist schlicht und einfach "Jean"; "Django" war - wie unter Zigeunern üblich - sein Roma-Name.

Es ergeben sich auch noch andere Ungereimtheiten, z. B. wenn es um Django Reinhardts Amerika-Tournee im Jahr 1946 geht. Wie Michael Dregni [4] in seiner Biografie darlegt, ist Charles Delaunay hier leider nicht ganz unvoreingenommen, da Django Reinhardt ihn bei der Unterzeichnung des Vertrags für die Tournee, die zusammen mit dem Duke Ellington Orchestra stattfand, übergangen hat.

Während häufig zu lesen ist, dass diese Tournee summa summarum ein Mißerfolg war, wurde sie - ich halte mich hier wieder an Dregni [4], der diese Tournee im Gegensatz zu Delaunay (der ihr lediglich knappe vier Seiten widmet) ausführlich beschreibt - in Wirklichkeit sowohl vom Publikum als auch von der Presse überwiegend positiv aufgenommen*, auch wenn die Erwartungen des Publikums insofern enttäuscht wurden, als Django Reinhardt vorwiegend mit Duke Ellington selbst am Piano und der Rhythmusgruppe des Orchesters auftrat, statt vom ganzen Orchester begleitet zu werden. Dazu kamen noch die negativen Kritiken, nachdem Django zu dem zweiten Konzert in der New Yorker Carnegie Hall am 24. November 1946 erst um 22:30 Uhr aufgetaucht war. Er hatte einen Landsmann (den Boxer Marcel Cerdan) getroffen und im Gespräch den Konzerttermin total vergessen.

* Dregni schreibt jedoch: "Viele - Django selbst eingeschlossen - bezeichneten die Tournee als Mißerfolg. Und, in einigen Aspekten, war dem auch so. Das Gefühl, dass er in den Vereinigten Staaten versagt hatte, vefolgte ihn in seinen letzten Jahren." Aber: "Dennoch insiprierte Djangos Amerika-Reise ihn, einige seiner atemberaubendsten Stücke zu kreieren. Aus diesem Grund würde seine Zeit in den Vereinigten Staaten ein bleibender Erfolg sein."

1910:

Django Reinhardt wurde am 23. Januar 1910 als Jean Reinhardt in Liberchies in der Nähe von Charleroi in Belgien geboren, wo die Reinhardt-Familie ihr Winterquartier aufgeschlagen hatte [2].

Dem Namen Reinhardt nach kommen die Vorfahren von Django aus Deutschland; jedenfalls ist belegt, daß die Großeltern von Django (mütterlicherseits) um 1870 in Straßburg gelebt haben und nach dem Ende des Krieges von 1870 nach Frankreich übersiedelten (das Elsaß war damals deutsch). Michael Dregni [4] zufolge können die Ursprünge des Reinhardt-Clans bis anno 1700 zurückverfolgt werden, wo Polizeiberichte ihn bei Wanderungen durchs Rheintal in Richtung Schweiz erwähnen. Djangos Vater war - entgegen der von Delaunay [1] geäußerten Vermutung, es könnte sich hier um einen Jean Vées handeln - laut Michael Dregni [4] ein gewisser Jean-Eugène Weiss. Auf Djangos Geburtsurkunde ist jedoch eindeutig die Unterschrift "J B Reinhard" zu lesen; im Text der Urkunde sind als Eltern "Jean Baptiste Reinhardt" und "Laurence Reinhardt" (ihr Roma-Name lautete "Négros") angegeben.

1920 - 1927:

Seine frühe Kindheit über reiste Django, der inzwischen noch einen Bruder (Joseph "Nin-Nin" Reinhardt) sowie eine Schwester (Sara "Tsanga" Reinhardt) bekommen hatte, mit seiner Mutter, die 1915 von Djangos Vater verlassen worden war, durch verschiedene Teile Europas, bis hinunter nach Algerien. 1920 siedelte Djangos Mutter mit ihren Kindern an den Stadtrand von Paris über, wo Django seine restliche Kindheit und Jugend verbrachte.

Im Alter von zwölf Jahren bekam Django seine erste Gitarre, eine sog. "Banjo-Gitarre", von einem Nachbarn, einem gewissen Raclot [2]. Auf einem frühen Foto von 1923 ist ein damals dreizehnjähriger Django zu sehen, wie er eben diese "Banjo-Gitarre" spielt. Nachdem er auf diesem Instrument aufgrund seiner musikalischen Begabung (er konnte offenbar Stücke bereits nach einmaligen Anhören auswendig spielen) rapide Fortschritte gemacht hatte, war er schon bald in der Lage, mit älteren und erfahreneren Musikern zusammenzuspielen (Delaunay [1] erwähnt einen Vorfall, bei dem eine außer sich vor Sorge geratene Mutter um drei Uhr morgens einen in einem Café am Place d'Italie spielenden Django vorfindet).

Etwa um dieselbe Zeit begann Django, mit dem damals populären Akkordeonisten Guérino bei den sog. bals-musette zusammenzuspielen (ein 1933 im Boîte à Matelots aufgenommenes Foto zeigt Django mit Guérino und einer Reihe anderer Musiker).

1928:

Nachdem Django Reinhardt im Jahre 1928 - achtzehnjährig - bereits seine ersten Schallplattenaufnahmen* gemacht hatte (hauptsächlich mit dem Orchester des Akkordeonisten Jean Vaissade), unterbrach ein Vorfall am 2. November desselben Jahres jäh seine Karriere als Musiker. Django war inzwischen bereits verheiratet - für Zigeuner in diesem Alter keine Seltenheit. Nachdem er an diesem bewußten Abend von seiner Arbeit nach Hause in seinen Wohnwagen am Stadtrand von Paris gekommen war, gerieten durch ein Mißgeschick die in dem Wohnwagen befindlichen Zelluloid-Blumen, die seine Frau verkaufen wollte, in Flammen! Django und seine erste Frau Florine "Bella" Mayer (in zweiter Ehe war er mit seiner Cousine Sophie "Naguine" Ziegler verheiratet), konnten sich zwar retten, jedoch war Djangos linke Hand, die für Gitarristen so wichtige Greifhand, schwer verletzt worden! Auch am Körper hatte er so schwere Verbrennungen davongetragen, daß er für die nächsten achtzehn Monate ans Bett gefesselt war. Während er sich mühevoll von diesem Schicksalsschlag erholte, hatte man ihm - auf Anraten des Arztes - seine Gitarre ins Hospital gebracht. Nun sollte man meinen, daß nach einer solchen Katastrophe seine Karriere als Musiker ein für alle Mal beendet gewesen wäre, aber Django brachte es mit eiserner Disziplin fertig, mit der verletzten Hand, von der lediglich noch Daumen, Zeige- und Mittelfinger voll funktionstüchtig waren, eine völlig neue Grifftechnik mit rasanten Single-Note-Läufen und den für ihn so charakteristischen Moll-Akkorden zu entwickeln. Als Nachwirkung dieses Zwischenfalls hatte er allerdings von nun an eine panische Angst vor Feuer und wurde noch lange von Alpträumen heimgesucht, aus denen er schweißgebadet erwachte.

* Anmerkung: Ich beziehe mich hier auf die Diskographie von Delaunay [1]. Schmitz/Maier [2] zufolge machte Django seine ersten Schallplattenaufnahmen bereits 1924, also mit vierzehn Jahren (etwa in demselben Alter, in dem Biréli Lagrène seine erste Live-Platte aufgenommen hat), und zwar mit dem Akkordeonisten Jean Vaissade für das Ideal-Label.

Aufnahmen [ 1928 ]

1931:

Django Reinhardt und sein Bruder Joseph treffen im Café des Lions in Toulon Emile Savitry, der für sich in Anspruch nimmt, Django entdeckt zu haben und der einer der größten Förderer Djangos werden sollte. Savitry macht Django u. a. mit der Musik von Joe Venuti, Duke Ellington und Louis Armstrong bekannt. Der Musiker jedoch, dessen Bekanntschaft in diesem Jahr für Django so entscheidend werden sollte, war der 1908 geborene Geiger und Pianist Stéphane Grappelli (ursprünglich: Grappelly). Das erste Zusammentreffen dieser beiden Musiker fand gegen Ende des Jahres statt, als Grappelli Mitglied in der Band des Saxophonisten und Klarinettisten André Ekyan war. Laut Delaunay [1] trafen sich die beiden Musiker erstmals im Croix du Sud, um dann im Hotel Claridge regelmäßig zusammen zu spielen. Dieses Zusammentreffen sollte schließlich in eine lebenslange Freundschaft und die - im Jahre 1934 erfolgte - Gründung des Quintette du Hot Club de France münden. In dem Kapitel über Stéphane Grappelli schreibt Delaunay [1]:„Es erscheint wahrscheinlich, dass, wäre Django nicht gewesen, Stéphane Grappelly sich nie zu dem herausragenden Solisten entwickelt hätte, der im Quintett [Quintette du Hot Club de France] seine Reife erlangte.“

Aufnahmen [ 1931 ]

1932:

Das nächste wichtige Ereignis für Django war ein Engagement in der Band von Louis Vola im Boîte à Matelots (Louis Vola spielte damals noch Akkordeon; das Eröffnungskonzert fand am 22. Dezember 1932 statt). Wenn man sich die Besetzung dieser Band anschaut, kann man bereits einige der Musiker entdecken, die zwei Jahre später im berühmten Quintette du Hot Club de France mitspielten: Louis Vola [acc], Django Reinhardt [g-solo], Joseph Reinhardt oder Roger Chaput [g-rhythm], ein gewisser Jean-Jean [ts], Rumolino [bs-s], Léon Ferreri [vi], Marco [p] sowie Bart Curtiss [dr]. Im Dezember fand noch ein weiteres wichtiges Ereignis statt: Der Hot Club de France wurde gegründet.

Aufnahmen [ 1932 ]

1934:

Django kommt erstmals in Kontakt mit dem Hot Club de France und nimmt im August zusammn mit seinem Bruder Joseph und dem Bassisten Juan Fernandez drei Titel auf. Erste Begegnung mit Louis Armstrong. Das wichtigste Ereignis in diesem Jahr war jedoch die Gründung des - lediglich aus Saiteninstrumenten bestehenden - Quintette du Hot Club de France. Damit hatte Django Reinhardt erstmals eine eigene Band. Die Mitglieder des Quintetts waren: Django Reinhardt [g-solo], Stéphane Grappelli [vi, p], Joseph Reinhardt [g-rhythm], Roger Chaput [g-rhythm] (später abgelöst durch Pierre "Baro" Ferret) sowie Louis Vola [b]. Erste Aufnahmen des Quintetts für Ultraphone.

Aufnahmen [ 1934 ]

1935 - 1939:

Wenn man sich etwas näher mit der zurückliegenden Geschichte des Jazz (sprich: des amerikanischen Jazz) beschäftigt, so wird deutlich, daß die Gründung des Quintette du Hot Club de France z. T. von zwei amerikanischen Musikern der Zwanzigerjahre beeinflußt wurde: dem Gitarristen Eddie Lang und dem Geiger Joe Venuti, mit dem Lang als Partner zusammenspielte. Die Parallelen, die sich hier ergeben, reichen von der Instrumentierung (Gitarre und Geige) bis hin zu bestimmten Aufnahmen beider Formationen: Der von Lang/Venuti eingespielte "Tiger Rag" wurde der Diskographie Delaunays [1] zufolge von Django Reinhardt nicht weniger als achtmal aufgenommen.

Doch zurück zum Quintette du Hot Club de France. Die ersten, im September bzw. Dezember 1934 aufgenommenen Stücke des Quintetts waren ein solcher Erfolg, daß bald weitere Aufnahmen und Konzerte folgten. Dominierten zu Anfang noch damals moderne Standards wie der besagte "Tiger Rag" sowie "Lady, Be Good" (später ein Vehikel für Lester Young [ts]) oder "I Saw Stars", so wurden in den folgenden Jahren immer mehr Stücke von Django Reinhardt und Stéphane Grappelli selbst komponiert. Gegen 1937 stellten diese Eigenkompositionen schließlich das Gros der unter dem Namen Quintette du Hot Club de France veröffentlichten Aufnahmen dar.

Während der ersten Jahre gab es, außer einer Reihe von Engagements, Tourneen und Plattenaufnahmen (für Details siehe in der entsprechenden Literatur) auch eine personelle Veränderung innerhalb des Quintetts. Sie betraf die Rhythmusgitarre; hier kam, anstelle von Roger Chaput, Pierre "Baro" Ferret in die Gruppe, der - ebenso wie Django und dessen Bruder Joseph - ein Sinto war.

Aufnahmen [ 1935 ] [ 1936 ] [ 1937 ] [ 1938 ] [ 1939 ]

1939 - 1944:

Das Jahr 1939 brachte, bedingt durch den Kriegsausbruch am 1. September, einen gravierenden Einschnitt, der das Ende des Quintette du Hot Club de France - jedenfalls in dieser Form - bedeutete. Das Quintett befand sich zu diesem Zeitpunkt gerade in London. Während Django sofort nach Paris zurückkehrte (wo er auch während des Krieges bleiben sollte, wenn man von verschiedenen Tourneen absieht), blieb Stéphane Grappelli bis zum Ende des Krieges in London.

Bedingt durch den Wegfall von Stéphane Grappelli, der wohl schwerlich durch einen anderen Geiger zu ersetzen gewesen wäre, entstand ein neues Quintett mit abgewandelter Instrumentation, die im wesentlichen bis zum Tode von Django Reinhardt im Jahre 1953 beibehalten werden sollte. Nachdem die Sängerin Josette Daidée für kurze Zeit Mitglied des Quintetts geworden war, was sich aber nicht als glückliche Wahl herausstellte, war die Instrumentierung während der kommenden zwölf Jahre folgende: Django Reinhardt [g-solo]; entweder Joseph Reinhardt [g-rhythm] oder Eugène Vées [g-rhythm]; Klarinette anstelle einer Geige (hier zuerst Hubert Rostaing, der später durch verschiedene andere Klarinettisten wie Gérard Lévêque oder Maurice Meunier abgelöst wurde; Kontrabass Francis Luca oder Emanuel Soudieux und - eine Neuerung - Schlagzeug (hier zuerst Pierre Fouad).

Das populärste Stück, das diese Formation aufnahm, sowie die populärste Django-Reinhardt-Komposition überhaupt, war "Nuages" aus dem Jahre 1940 - der Wirkung halber in der endgültigen Fassung mit zwei Klarinetten aufgenommen (Hubert Rostaing sowie Alix Combelle).

In den folgenden Jahren schrieb Django eine ganze Reihe von Kompositionen für diese neue Besetzung, darunter solche Klassiker wie "Lentement, Mademoiselle", von dem es auch eine spätere, sehr schöne Version mit dem jungen Pianisten Eddie Bernard gibt. Mit diesem neuen Sound bewegte sich das Quintett in eine neue Richtung, weg von dem Klangbild des "alten" Quintetts. Auch formal gesehen wurden die Kompositionen von Django freier, wie z. B. in dem meiner Meinung nach sehr schönen "Nympheas" ("Seerosen") von 1942 in größerer Besetzung (u. a. zwei Posaunen), das - wie der 1937 aufgenommene, ebenfalls sehr schöne "Boléro" - mit Ausnahme des Solos von Django komplett durcharrangiert ist. In größerer Besetzung wurden auch unter dem Namen Django's Music 1940 das sehr stimmungsvolle "Tears" aufgenommen (das Arrangement stammt lt. der Diskografie von Delaunay [1] von Django selbst). In dieser Aufnahme wird deutlich, daß Django zwar auch effektiv für Big Band arrangieren konnte, im Grunde jedoch kein ausgesprochener "Big-Band-Arrangeur" war, wie dies spätestens im Vergleich zu den 1945/46 eingespielten Aufnahmen mit der ATC Big Band [ ATC steht für "Air Transport Command" ] unter Seargent Jack Platt deutlich wird, deren Arrangements von Lonnie Wilfong deutlich mehr "sophisticated" sind. Dies tut natürlich der Stellung von Django als Künstler keinen Abbruch, sei hier aber doch der Vollständigkeit halber erwähnt.

Neben den Aufnahmen gab es natürlich die üblichen Engagements in Pariser Clubs wie dem "Chez Jane Stick". Dabei dürfen wir nicht vergessen, daß sich Paris bzw. der Norden Frankreichs ab 1941 unter deutscher Besatzung befanden (der Süden Frankreichs wurde von der pro-deutschen Vichy-Regierung verwaltet).

Eine wichtige personelle Veränderung stellte 1943 das Ersetzen von Hubert Rostaing [cl] durch Gérard Lévêque dar. Lévêque wird in einer Session vom 17. Februar 1943 erstmals genannt. Aufgenommen wurde damals u. a. "Manoir De Mes Rèves", ein Fragment aus der von Django zu dieser Zeit komponierten gleichnamigen Sinfonie, bei der ihm Gérard Lévêque assistierte, indem er Djangos Ideen notierte. Lt. Delaunay [1] enthielt diese Sinfonie teilweise so gewagte Harmonien, daß sie für Jo Boullion, der das Orchester dirigieren sollte, erhebliche Probleme aufwarf. Die Partitur verschwand jedoch; ob sie zwischenzeitlich wieder aufgetaucht ist, kann ich leider nicht sagen.

Allgemein nicht so bekannt ist, dass Django Reinhardt 1943 versuchte, über die Grenze in die neutrale Schweiz zu flüchten. Beim ersten Versuch wurde er jedoch von deutschen Grenzwächtern aufgegriffen und kam nur dank der Hilfe eines jazz-begeisterten deutschen Wehrmachtsoffiziers wieder frei. Beim zweiten Versuch wurde er von Schweizer Grenzwächtern zurückgeschickt, konnte jedoch unbehelligt nach Paris zurückkehren.

Aufnahmen [ 1940 ] [ 1941 ] [ 1942 ] [ 1943 ] [ 1944 ]

1945 - 1946:

Mit der Befreiung von Paris kamen viele amerikanische GI's in die Clubs, um Django Reinhardt zu hören, und teilweise auch, um mit ihm zu spielen. Unter den veröffentlichten Aufnahmen stechen die heraus, die Django mit der bereits erwähnten ATC Big Band aufgenommen hat. Bandleader war Jack Platt, die Arrangements kamen von Lonnie Wilfong. Eines der schönsten Stücke ist meiner Ansicht nach die Aufnahme der Reinhardt-Komposition "Djangology".

1946 war das wichtigste Ereignis zweifellos Djangos erste (und einzige) Amerika-Tournee, während der er u. a. mit dem Duke Ellington Orchestra auftrat. Django hatte seine Selmer-Gitarre in Paris zurückgelassen, da er annahm, daß die amerikanischen Gitarrenhersteller es sich zur Ehre gereichen würden, ihm ein Instrument zu schenken - eine Annahme, die sich leider als Irrtum herausstellen sollte. So wurde die Tournee eher zu einer Enttäuschung, wenn sie auch wesentliche Impulse für Djangos Musik lieferte: Er spielte zum ersten Mal elektrisch verstärkte Gitarre*, und er kam mit dem gerade populär gewordenen Bebop in Berührung. Wurde Django Reinhardt auch nie zu einem ausgesprochenen "Bop-Gitarristen", so wirkte sich der Bebop-Einfluß doch auf sein Spiel aus, das harmonisch deutlich komplexer wurde.

* Dregni [4] zufolge spielten sowohl Joseph als auch Django Reinhardt ihre Selmer-Gitarren bereits vor Djangos Amerika-Tournee elektrisch verstärkt.

Aufnahmen [ 1945 ] [ 1946 ]

1947:

Das folgende Jahr war von einer ganzen Reihe von Aufnahmen geprägt, die Django - zurück in Paris - hauptsächlich mit elektrisch verstärkter Gitarre aufnahm, die eine neue Qualität in sein Spiel brachte. Die Besetzung bestand dabei in der Regel aus Django [g-solo], einem oder zwei Rhythmusgitarristen (seinem Bruder Joseph und/oder Eugène Vées ), Klarinette, Baß und Schlagzeug. Alles in allem kann man das Jahr 1947 als ein sehr reiches Jahr bezeichnen, während dessen Django das Gros seiner Aufnahmen mit elektrischer Gitarre einspielte. Daneben sind noch zwei Sessions mit akustischer Gitarre zu erwähnen: Die eine, mit Stéphane Grappelli, in der alten, lediglich aus Saiteninstrumenten bestehenden Besetzung, die am 14. November stattfand, und die zweite, mit Djangos eigener Big Band "Django's Music", am 16. April. Dabei wurden eben dem in der großen Besetzung eingespielten und von Gérard Lévêque arrangierten "Minor Blues" noch vier Stücke ("Clair De Lune", "Peche A la Mouche"°, "Lentement, Mademoiselle" und "Melodie Au Crêpuscule") mit Michel de Villiers [cl, as°] sowie der Rhythmusgruppe der Big Band aufgenommen. Diese Stücke (insbesondere die mit Klarinette) dokumentieren einen mit ungewöhnlicher Intensität improvisierenden Django und gehören für mich mit zu seinen schönsten Aufnahmen überhaupt.

Nach diesem so reichen Jahr 1947 nahm Django Reinhardt allerdings nur noch sporadisch auf (Ausnahmen sind die beiden Rom-Aufenthalte 1949 bzw. 1950). Grund dafür mag die Krise gewesen sein, in die Django seit seiner Amerika-Tournee geraten war. Schmitz/Maier [2] zufolge war Django Reinhardt seit seinem Amerika-Aufenthalt ja in eine tiefe Selbstverständniskrise geraten.

Zitat:

"Django erspürte sehr genau die Bedeutung und die Kraft, die Intensität und musikalische Komplexität dieser neuen Musikart [des Bebop], und ebenso genau erspürte er, dass er ihr nun doch nicht mehr zu folgen imstande war, nicht mehr gewachsen war - entsetzliche Erkenntnis für einen Mann seines Zuschnitts:" - Schmitz/Maier

Aufnahmen [ 1947 ]

1948 - 1949:

Im darauffolgenden Jahr war wohl mit das wichtigste zu erwähnende Ereignis ein Konzert des Quintetts im Théatre des Galeries in Brüssel, das Django mit einem eigenen Tonbandgerät mitschnitt. Dieses Konzert wurde später auf Schallplatte (Vogue 530217) veröffentlicht.

Im Januar/Februar 1949 folgte ein Rom-Aufenthalt von Django und Stéphane Grappelli, während dem sie mit einer italienischen Rhythmusgruppe (Kontrabaß, Klavier und Schlagzeug) über sechzig Titel aufnahmen (die Diskographie von Delaunay [1] listet insgesamt 67 Titel auf, wobei von "Micro" ("Mike") zwei Takes veröffentlicht wurden). Diese Aufnahmen bilden in ihrer Geschlossenheit eine Sonderstellung im Werk von Django Reinhardt, und es befinden sich auch einige wirkliche Perlen darunter. Ich möchte hier nur "Nagasaki", "Vouz qui passez sans me voir" und den wunderschönen "Troublant Bolero" mit einer einzigartigen Improvisation Djangos nennen. Von diesen Aufnahmen wurde ein Teil "digitally remastered" auf Schallplatte veröffentlicht. Diese Aufnahmen zeichnen sich allerdings durch ausgesprochen "knallige" Höhen aus.

Zu diesen Aufnahmen aus Rom möchte ich noch erwähnen, daß Django mit der italienischen rhythm section nicht sehr zufrieden war, der zugegebenermaßen der drive fehlte, welcher auf den Aufnahmen des Quintetts mit Rhythmusgitarre zu finden ist. Auch war diese Rhythmusgruppe im Hinblick auf den Mitte der Vierzigerjahre populär gewordenen Bop nicht auf der Höhe der Zeit, was aber in diesem - eher traditionellen - Kontext kein Manko war. Jedenfalls befinden sich unter den veröffentlichten Aufnahmen ein paar wunderschöne Stücke, ohne die eine Django-Reinhardt-Sammlung m. E. nicht komplett ist.

Nach diesem Rom-Aufenthalt notiert Delaunay [1]:

Er [Django Reinhardt] wurde nun nur noch selten in Paris gesehen. Er hatte seine Gitarre hinten in seinem Wohnwagen aufgehängt und nahm sie nur selten herunter, um zu spielen.“

Aufnahmen [ 1948 ] [ 1949 ]

1950 - 1953:

Im Jahre 1950 folgte ein zweiter Rom-Aufenthalt, bei dem insgesamt 30 Stücke aufgenommen wurden. Diesmal war Django allerdings in Begleitung des Saxophonisten/Klarinettisten André Ekyan sowie einer eigenen Rhythmusgruppe. Auch spielte Django diesmal, anders als bei den Sessions mit Stéphane Grappelli im Jahr davor, elektrische Gitarre.

Der Januar 1951 brachte ein Ereignis, das für mich in der gesamten Django-Reinhardt-Diskographie einmalig ist, nämlich eine denkwürdige Live-Aufnahme von Djangos eigenem "Troublant Bolero" mit dem Orchestre Symphonique Nationale unter der Leitung eines gewissen Wal-Berg (eigentlich: Voldemar Rosenberg; 1910 - 1994). Allein die Einleitung ist den Kauf der gesamten Platte oder CD wert, werden hier doch in kongenialer Weise die Klangmöglichkeiten eines Symphonieorchesters (Streicher und Holzbläser) mit denen des Jazz (gestopfte Trompeten) verschmolzen. Meiner Ansicht nach ist diese Aufnahme eine der Perlen in der gesamten Diskographie Django Reinhardts.

1951 fing Django an, eine Gruppe junger, deutlich vom amerikanischen Bebop beeinflußter Musiker in seine Band zu holen*, darunter die Gebrüder Hubert [as] und Raymond Fol [p] sowie den Bassisten Pierre Michelot, der später im französischen Jazz eine wichtige Rolle spielen sollte (er war u. a. der Bassist im späteren Jacques Loussier Trio, das versuchte, ähnlich wie etwa das Modern Jazz Quartett, klassische Musik - hier: Bach - und Jazz zu verschmelzen). Das erste Konzert fand im Februar im berühmten Pariser Club Saint-Germain statt, die ersten Studioaufnahmen datieren vom 11. Mai. Hervorheben möchte ich hierbei das von Django komponierte und in einem furiosen Tempo gespielte "Impromptu", das ihn und die Gruppe in Bestform zeigt. Delaunay [1] vermerkt, dass die jungen bebop-beeinflußten Musiker, die Django in seine Band holte, ihn anfangs nicht ganz ernst nahmen, bis er einmal ärgerlich wurde und so schnell spielte, dass sie ihm nicht mehr folgen konnten. Außerdem komponierte er Stücke mit komplizierten Harmonien wie das erwähnte "Impromptu" mit einer bop-artigen Melodielinie. Allem Anschein nach war das Engagement im Club Saint-Germain überwiegend positiv. Delaunay [1] zitiert Djangos Pianisten Raymond Fol folgendermaßen: "Ich glaube, Django fand ein Vergnügen daran, in dem Club zu spielen, das er eine lange Zeit nicht gekannt hatte." Auch Dregni [4] wertet die Zeit, in der Djangos Sextett im Club Saint-Germain spielte, als Erfolg.

* Laut Dregni [4] war es Hubert Fol, der Django - das war irgendwann 1951 - wieder zum Spielen (und der Gründung einer neuen Band) brachte. Dregni schreibt: "Mit neuer Inspiration nahm Django seine Gitarre von der Wand, wischte den Staub ab und stimmte noch einmal die Saiten."

In den darauffolgenden zwei Jahren ist eine verstärkte Hinwendung zum zeitgenössischen Jazz zu verzeichnen, was meiner Meinung nach freilich auf Kosten der Einmaligkeit von Djangos Musik ging. In diesem Zeitraum wurden nur noch vergleichsweise wenige Aufnahmen eingespielt; die allerletzte Session datiert vom 8. April 1953. Während einer Tournee 1953 in der Schweiz bemerkte Django, daß ihm seine Finger nicht mehr richtig gehorchten, und auch sonst hatte er laut Delaunay [1] das Gefühl, daß das Glück ihn verlassen hatte. Als er nach Frankreich zurückkam, erfuhr er, daß Bing Crosby vergeblich versucht hatte, ihn für eine zweite Amerika-Tournee zu engagieren.

Zurück in Samois-sur-Seine, wo er nun wohnte, widmete sich Django dem Angeln. Am 15. Mai 1953 ereilte ihn in einem örtlichen Café ein Schlaganfall. Er wurde nach Fontainebleau ins Krankenhaus gebracht, aber es war zu spät. Django Reinhardt starb dreiundvierzigjährig und wurde in Samois beigesetzt. In Erinnerung an ihn wird dort inzwischen alljährlich ein Festival abgehalten*, das als der Treffpunkt schlechthin für alle gilt, die sich für seine Musik interessieren.

* Besagtes Festival ist inzwischen nach Fontainebleau umgezogen.

Aufnahmen [ 1950 ] [ 1951 ] [ 1952 ] [ 1953 ]

 

© Copyright 2002 - 2018 by Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!. Dieses Dokument ist unter einer Creative Commons License lizensiert.