Mir ist schon mehrfach aufgefallen, daß sowohl Kleidung als auch Architektur mit der Zeit, also über mehrere Jahrhunderte bis jetzt in die Neuzeit, immer ärmer an Ornamenten werden. Ein imho gravierender Einschnitt war das Bauhaus mit seinen nüchternen Häuserfassaden ohne jede Dekoration, wie sie davor noch üblich war.
Haus in der Weissenhofsiedlung in Stuttgart (2019). Foto von mir.
Ok, zugegeben, auf diesem Foto kann man die Schmucklosigkeit der Aussenfassade allenfalls erahnen, aber das ganze Haus zu fotografieren, fand ich langweilig – sorry!
Im Gegensatz dazu ein Gemälde aus dem Rokoko. Man beachte die reichen Ornamente des Kleides.
François Boucher: „Madame de Pompadour“ (1756). Gemeinfrei.
Man stelle sich dann die heutigen, jeans-behosten Frauen vor – ein Trend, der in den Sechzigerjahren des vorigen Jahrhunderts angefangen hat. Also, mir persönlich haben die Frauen der Fünfzigerjahre in ihren Röcken weitaus besser gefallen.
Meine Frage nun: Ist das ein genereller Substanzverlust, den wir da erleben? In diesem Zusammenhang vielleicht etwas weiter hergeholt, vielleicht aber auch nicht: Ein ehemaliger Kunststudent der Stuttgarter Akademie bestätigte mir, was ich schon geahnt hatte, daß nämlich im Zuge des Studiums das Erlernen altmeisterlicher Maltechniken keine Pflicht ist. Dann kommt es eben dazu, daß die Studenten so malen, wie es ihnen gerade in den Sinn kommt (um es mal vorsichtig auszudrücken). Auch hier Substanzverlust gegenüber früheren Jahrhunderten. Noch Édouard Manet (1832 – 1883) hatte eine ausnehmend gute Technik, wie man z. B. am „Frühstück im Freien“ sehen kann.
Èdouard Manet: „Das Frühstück im Freien“ (1863). Gemeinfrei.
Dann kamen die Impressionisten. was noch harmlos war. Ihnen folgten van Gogh, der bestimmt keine altmeisterliche Technik hatte, sondern einen eigenen, ganz persönlichen Ansatz, und dann die Fauves, die Brücke und der Blaue Reiter. Damit war es dann erst mal vorbei mit der altmeisterlichen Technik.
Und heute? Heute haben wir nun die Situation, daß praktisch jedes Geschmiere zur Kunst erklärt wird, man oder frau muß nur clever argumentieren. Oder jemand stellt ein Hühnerei auf ein Podest und erklärt das zur Kunst. Daß Kunst aber von Können kommt, spielt da keine Rolle mehr. Das nun ist eine Entwicklung, gegen die ich mich wehre.
Ein weiteres Beispiel ist Mark Rothko (1903 – 1970), der in seinem reifen Stil teils wunderschöne Farbharmonien auf die Leinwand brachte. Aber auch bei ihm gibt es eine schwache Seite, und zwar das Malen von Portraits, was sehr deutlich wird, wenn man sich sein
Selbstportrait anschaut. Er konnte einfach keine überzeugenden Menschen malen. Trotzdem ist er – nicht zuletzt wegen seines leicht zu erkennenden Stils – in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts einer der ganz Großen. Leider darf ich aus copyright-rechtlichen Gründen kein Foto eines Gemäldes von Mark Rothko posten. Ich bitte dafür um Verständnis.
Weiterführender Link: Der Artikel
„10 Dinge, die man über Mark Rothko wissen sollte“. Des weiteren kann ich die
Rothko-Biografie (anscheinend leider nur auf Englisch) von James E. B. Breslin empfehlen. Das Buch bietet wichtige Einblicke in das Leben von Mark Rothko. Das einzige, was ich zu bemängeln hätte, ist, daß der Autor ganz offenkundig nicht so viel von Malerei versteht. Das ist aber ein wirklich nebensächlicher Kritikpunkt. Davon abgesehen kann ich das Buch wirklich empfehlen.