05:48 Uhr

Habe mir nach kurzem Überlegen das MP3-Album „Live at the Blue Jazz Museum“ (7. Januar 1966) von Joseph Reinhardt gekauft. Besetzung: Joseph „Nin-Nin“ Reinhardt [g-el], Jacques Montagne [g-rhyhtm], Dingo Adel [g-rhythm], Benoit Charvet [b]. Das Herunterladen des Zip-Archivs war kein Problem. Höre gerade die Django-Reinhardt-Komposition „Nuages“ und trinke meinen ersten Milchkaffee. Eigentlich wollte ich ja dieses Jahr nach London fliegen, aber zuerst kommt eine größere Zahnarztrechnung auf mich zu, so daß ich London erst mal verschieben muß. Ich würde auch gerne mal wieder nach Paris fahren, wo ich das letzte Mal im September 2018 war. Habe inspiriert von „Emily in Paris“ auf Netflix angefangen, besser Französisch zu lernen, wobei mir der Google-Übersetzer eine große Hilfe ist. Soweit schreibe ich mir einfach Sätze auf, die mich interessieren, was ganz gut funktioniert.

Joseph Reinhardt: „Bric-À-Brac“

„Bric-À-Brac“ ist eine Komposition von Django Reinhardts Bruder Joseph („Nin-Nin“), hier in einer Live-Aufnahme vermutlich aus den Fünfzigerjahren. Joseph Reinhardt stand, solange Django Reinhardt noch lebte, immer im Schatten seines Bruders. Die vorliegende Aufnahme zeigt, daß er neben seiner Rolle als Rhythmusgitarrist auch ein hörenswerter Solist war.

Noch ein Wort zu dem elektrischen Gitarren-Sound. Obwohl er für unsere Ohren beim allerersten Zuhören etwas dumpf und verzerrt klingt, was der damals noch nicht so weit fortgeschrittenen Technik zu verdanken ist, ist es – das ist wie gesagt meine persönliche Menung – ein absolut persönlicher Sound, der sich (wieder imho) wohltuend von dem uniformen Archtop-Sound abhebt, der heutzutage en vogue ist, und obwohl sich auch beim elektrisch verstärkt spielenden Django Reinhardt die Geister scheiden, finde ich diese relativ späten Aufnahmen in ihrer Originalität absolut bestechend. Ich kann mich auch nicht der Ansicht anschließen, Django Reinhardt sei mit der elektrischen Gitarre nie richtig glücklich geworden – war sie seit 1947 doch sein Hauptinstrument.

04:34 Uhr


„Django Reinhardt, 1946“. William P. Gottlieb/Ira and Leonore S. Gershwin Fund Collection, Music Division, Library of Congress.

Neben der Tatsache, daß Django Reinhardt keine Noten lesen konnte, hatte er auch ein Handicap, das vermutlich die meisten anderen Gitarristen zum Aufgeben gezwungen hätte. 1928 – Django war damals 18 Jahre alt – geriet sein Wohnwagen in Brand. Als Folge davon waren Ringfinger und kleiner Finger der linken Greifhand verkrüppelt. Die erlittenen Verbrennungen waren so schwer, daß die Ärzte ein Bein amputieren wollten. Django Reinhardt lernte in den folgenden Monaten jedoch mit eiserner Disziplin eine völlig neue Technik, bei der er die verkrüppelten Finger noch für Akkorde einsetzen konnte. Die teilweise rasanten Single-Note-Läufe spielte er jedoch ausschließlich mit Zeige- und Mittelfinger. Eindrucksvolles Beispiel dieser Technik ist die 1937 aufgenommene „Improvisation“.

04:02 Uhr

Höre gerade „Django’s Dream“ (1947) von Django Reinhardt, während ich meinen ersten Milchkaffee trinke. Ich meine, ich beschäftige mich nun seit 1977 mit Django Reinhardt, als ich zum ersten Mal seinen 1937 aufgenommenen „Minor Swing“ gehört habe, damals als Titelmelodie des Films „Lacombe Lucien“ von Louis Malle, und ich lerne, ihn immer mehr zu schätzen. (Ok, es gab auch Phasen, da konnte ich ihn nicht mehr hören.) Ich finde seine Musik einfach unglaublich – umso mehr, als Django Reinhardt keine Noten lesen konnte. „Django’s Dream“ ist übrigens nichts anderes als „Rêverie“ von Claude Debussy.

Dudel-Pop

Wenn meine Nachbarin und ich samstags kochen, läuft im Hintergrund immer der Stuttgarter Sender 107.7. Was abgesehen von dem absolut substanzlosen Gedudel (Motto: “bester Rock und Pop”) nervt, ist der sender-eigene Werbeslogan “Die neue Hundertsieben-sieben”, der wirklich nach jedem Stück abgespielt wird. Nicht viel anders ist es bei SWR3. Auch hier ein Strom aus Gedudel ohne Höhen und Tiefen. Keine Soli, keine Instrumentalstücke, keine Stücke mit Überlänge, keine Experimente.

Anfang der Siebzigerjahre, als ich noch in die Schule gegangen bin, habe ich nachmittags immer den Pop Shop auf SWF3 gehört. Die Moderatoren, darunter Chefsprecher Frank Laufenberg sowie Günter Verdin und Peter Kreglinger, haben manchmal die damaligen Pop-Songs durch den Kakao gezogen, z. B. Songs von Sweet oder Middle of the Road. Das, was heutzutage läuft, hätten sie gnadenlos in der Luft zerrissen. Wie das gekommen ist, daß Leute wie Ed Sheeran (ganz schlimm: mit Justin Bieber) oder Katy Perry Millionen verdienen, ist mir ein Rätsel. Wenn ich z. B. im Rewe bin, muß ich mir die Musik, die aktuell in den Hitparaden ist, ja notgedrungen anhören: am Fließband gefertigter Pop ohne jede Originalität.

Einen Teil der Schuld dieser unseligen Entwicklung trifft jedenfalls die Radiostationen, die diese Art von Musik unkommentiert über den Äther schicken. Und: Die Zuhörer nehmen das ganz offenbar kritiklos hin. Meine Vermutung ist, daß sie es ganz einfach nicht mehr anders kennen, was ja traurig genug ist. Wie das wieder anders werden kann, weiß ich ehrlich gesagt auch nicht.