Der „Pop-Shop“ und die Musik von heute

Anno 1974 – ich ging damals ins Wirtschaftsgymnasium Tübingen – kam jeden Samstagnachmittag auf SWF3 die Oldies-Sendung des „Pop-Shop“ mit Moderatoren wie Peter Kreglinger, Günter Verdin, Frank Laufenberg u. a. Hier liefen – heute kaum mehr vorstellbar – Stücke wie das lange „April“ von Deep Purple und eben das, was man damals als „Oldies“ definierte. Ich hörte diese Sendung jeden Samstag an, wenn ich von der Schule nach Hause kam; die Oldies vom „Pop-Shop“ waren ein absolutes Muß. Ich erinnere mich auch noch an ein ausnehmend gut gestaltetes Radio-Feature über das eben herausgekommene Doppelalbum „Quadrophenia“ von den „Who“, das mir so gefiel, daß ich mir diese Platte – meine allererste – damals spontan kaufte.

Anno 2021 – ganze 47 Jahre später – hat sich die süddeutsche Radiolandschaft dramatisch verändert. Den SWF3 gibt es schon lange nicht mehr, seit der SWF aus Baden-Baden und der SDR aus Stuttgart zum SWR fusioniert haben, und auch der „Pop-Shop“ ist längst Geschichte. Moderator Frank Laufenberg – in der Zwischenzeit zur Radio-Legende geworden – hat zahlreiche Bücher zum Thema „Pop-Musik“ verfaßt, die nun teilweise Standardwerke sind. Stücke wie „April“ sind heutzutage – wegen ihrer Überlänge? – absolut nicht mehr vorstellbar. Statt dessen – wann diese unselige Entwicklung angefangen hat, kann ich nicht sagen, ich veranschlage sie jedoch irgendwann nach der Jahrtausendwende – praktisch nur noch substanzloser Dudel-Pop: keine Soli, keine Stücke in Überlänge, keine Live-Aufnahmen und schon gar keine Experimente. Statt dessen routiniert produzierter Pop am Fließband; die heutigen Stars gehen nur noch auf „Nummer sicher“.

Diese Musik wird – und da trifft meiner Meinung nach die Rundfunksender eine Mitschuld – gänzlich unkritisch über den Äther verbreitet, so, als ob es nichts anderes mehr gäbe. Stuttgarter Sender wie „Die neue 107.7“, „Antenne 1“ oder – am populärsten – der SWR3 spielen nur noch diesen Einheitsbrei – eine Musik ohne Höhen und Tiefen. Kritische Anmerkungen, wie sie zu „Pop-Shop“-Zeiten nicht ungewöhnlich waren, findet man heute vergebens. Ich erinnere mich noch, wie damals die „Pop-Shop“-Sprecher Bands wie „Sweet“ oder „Middle of the Road“ durch den Kakao zogen.

Was ist nun passiert?, könnte man fragen. Ich weiß es ehrlich gesagt nicht. Gutheißen kann ich diese Entwicklung allerdings nicht. War die Moderation vom „Pop-Shop“ kritisch und witzig, richtet sie sich heutzutage anscheinend vor allem an unter Zehnjährige. Kritik ist ganz offenbar unerwünscht, Intelligenz Fehlanzeige. Dabei müßten es gerade die Moderatoren besser wissen – oder etwa nicht?

Weiterführender Link: Der inzwischen von Frank Laufenberg betriebene Internet-Sender „POPSTOP“.