Schlaflos in Ludwigsburg (23)

Werbung zu „THE LÄND“. © Copyright 2021 by Staatsministerium Baden-Württemberg.

Ok, bald habe ich’s ja geschafft, nachdem ich schon seit ungefähr vier Uhr wach bin. Mein letzter Beitrag „Zwangswerbung“ hat mir mal wieder bewußt gemacht, wie sehr sich das Internet seit 1996, als ich das erste Mal mit ihm in Berührung kam, kommerzialisiert hat. Imho wäre es höchste Zeit, das wieder zurückzufahren, aber bestimmte Leute bekommen eben nie genug, und so wird der derzeitige Trend wohl weitergehen. Noch vor der Jahrtausendwende habe ich immer wieder gelesen, daß wir ins „Zeitalter des Wassermanns“ kommen würden und eine Entwicklung hin zu mehr Spiritualität stattfinden würde. Bislang ist davon aber wenig zu spüren. Alles wird immer kommerzieller. Sogar in dem Werbespot zur Kampagne „THE LÄND“ ist ab und zu dieser Hang zum Überdrehten zu finden, der ja irgendwie Mode zu sein scheint.

Spritualität in der Kunst

Adolf Hölzel: „Heilige Ursula“ 1914/15. Öl auf Leinwand, Kunstmuseum Stuttgart.

Als ich voriges Wochenende in der neuen Ausstellung („Jetzt oder nie“) des Kunstmuseum Stuttgart war, ist mir u. a eine bestimmte Installation1 aufgefallen. Sind wir so weit gekommen? habe ich mich gefragt. Muß man heutzutage nichts mehr können außer „clever“ zu sein? Hinzu kommt noch, daß besagte Installation denkbar unspirituell (um nicht zu sagen: trostlos) ist. Die Aufsicht konnte (wollte?) mir auch gar nichts dazu sagen („Dazu habe ich keine Meinung“.). Für mich ist das denn auch ein absoluter Tiefpunkt in unserer aktuellen, meine Ansicht nach absolut richtungslosen Kunst, auch wenn andere Leute das vielleicht toll finden werden. Warum? – so frage ich mich – richtet das Kunstmuseum nicht einen Adolf-Hölzel-Raum2 ein, sind solche Gemälde wie das obige zur Legende der heiligen Ursula oder auch bestimmte Pastelle doch von einer tiefen Spiritualität3 geprägt, wie man/frau sie heutzutage leider vergeblich sucht.

1 Stephan Huber: „Lenins flammende Rede zur Elektrifizierung“ (1984)

2 Gibt es anscheinend schon.

3 Zur Definition von Spiritualität habe ich bei GEO eine gute Definition gefunden:

„Spiritualität hat mit Religion gemeinsam, dass beide sich auf eine transzendente Ebene beziehen. Das bedeutet, dass beide davon ausgehen, dass unsere sinnlich erfahrbare, sichtbare Welt nicht alles ist, was es gibt – sondern dass jenseits davon eine darüber hinausgehende Dimension existiert.“–Sebastian Murken

Digitale Kunst und Spiritualität

Vincent van Gogh: „Piëtà“ (1889; nach Delacroix). Copyright erloschen.

Wenn ich mir die diversen renommierten Grafik- und Design-Seiten wie Bēhance, DeviantArt oder ArtStation anschaue, ist mein Eindruck der einer relativen spirituellen Verarmung. Da hat es Monster, Autos, Raumschiffe, Science-Fiction-Motive, schrille Sujets, Krasses, Kindisches, Fantasy-Themen und mehr oder weniger gelungene Portraits; das, was sich die modernen Kunst – gehört die digitale (noch) nicht dazu? – an Freiheiten im Ausdruck erarbeitet hat, fehlt bei der digitalen Kunst nahezu vollständig. Was hier dominiert, ist der Fotorealismus.

Ich frage mich nun, ob es nicht auch anders geht. Dazu müßte aber – um nur ein Beispiel zu nehmen, bei Portraits – als Grundvoraussetzung ein Bewußtsein der kunstgeschichtlichen Entwicklung des Portraits von, sagen wir Mitte des neunzehnten Jahrhunderts bis heute vorhanden sein. Dabei denke ich jedoch definitiv nicht an Leute wie Georg Baselitz und auch nicht an Julian Schnabel oder – ebenfalls aus den USA – an Andy Warhol; Künstler, die man/frau nun kaum als spirituell ansehen kann.

Aber – spirituell? Was heißt das überhaupt? Spontan fallen mir dazu Werke wie die Piëtà“ – nach Delacroix – von Vincent van Gogh (s. o.) oder die „Heilige Ursula“ von Adolf Hölzel ein, aber auch bestimmte Werke etwa von Mark Rothko, um einen deutlich moderneren Künstler zu nehmen. Aber auch die Portraits von Alberto Giacometti empfinde ich als spirituell. Sozusagen die Antithese dazu wäre dann etwa Andy Warhol oder – aktuell – Jeff Koons, wobei dieser keine Portraits macht, sondern seine Ballon-Skulpturen, die uns die Konsumgesellschaft vorführen sollen: der Künstler als Produzent. Kommerzorientierter geht es wohl kaum noch.

Was wollte ich nun sagen? Ja, digitale Kunst und Spiritualität. Bislang scheint das ein Widerspruch zu sein. Muß das aber so bleiben? Das ist nun eben die Frage. Ich habe überlegt, ob mir ein Gegenbeispiel einfällt – leider vergebens. Als mögliche Lösung fällt mir ein, was ich hier schon an anderer Stelle geschrieben habe: daß moderne, etablierte oder auch (noch) nicht etablierte Künstler sich des digitalen Mediums annehmen und es hin zu einer Tiefe im Ausdruck weiterentwickeln, die wir in der aktuellen Kunstszene leider vergeblich suchen.